Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre erste Zinssenkung seit 2019 angekündigt und den Leitzins von 4% auf 3,75% gesenkt. Die Entscheidung, die sich seit Monaten angedeutet hatte, erfolgte vor dem Hintergrund anhaltenden Inflationsdrucks in den 20 Ländern der Eurozone. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte auf einer Pressekonferenz in Frankfurt, dass die Inflationsaussichten und die Wirksamkeit der Geldpolitik sorgfältig geprüft würden. „Eine Abschwächung des geldpolitischen Restriktionsgrads ist jetzt angemessen“, erklärte der EZB-Rat unter Berufung auf eine aktualisierte Einschätzung der wirtschaftlichen Lage.

Die überarbeiteten makroökonomischen Projektionen der EZB zeigen eine erhöhte Inflationsprognose für 2024, die nun von 2,3 % auf 2,5 % angehoben wird. Die Prognose für 2025 wurde ebenfalls von 2 % auf 2,2 % angehoben, während die Prognose für 2026 unverändert bei 1,9 % blieb. Die Finanzmärkte hatten die Zinssenkung um 25 Basispunkte, die erste seit September 2019, voll und ganz erwartet. Obwohl die Markterwartungen derzeit nur eine weitere Senkung in diesem Jahr einkalkulieren, deutet eine aktuelle Umfrage von Reuters auf die Möglichkeit von zwei weiteren Senkungen hin.
Dean Turner, Chefökonom für die Eurozone bei UBS Global Wealth Management, merkte an, dass angesichts der jüngsten Inflationsdaten eine weitere Zinssenkung im Juli unwahrscheinlich erscheine. „Die leichte Anhebung der Inflationsprognose wurde zwar erwartet, die nächste Zinssenkung ist jedoch vermutlich für September vorgesehen“, prognostizierte Turner. Mit dieser Zinssenkung im Juni liegt die EZB vor der US-Notenbank , die angesichts der anhaltenden Inflationsprobleme in den USA die Zinsen bisher noch nicht gesenkt hat. Bemerkenswert ist, dass Kanada am Mittwoch als erstes G7-Land in diesem Zyklus den Leitzins gesenkt hat; die Zentralbanken Schwedens und der Schweiz hatten Anfang des Jahres ähnliche Beschlüsse gefasst.
Christine Lagarde erklärte, dass die Entscheidung zur Zinssenkung im EZB-Rat nahezu einstimmig getroffen worden sei, mit nur einer Gegenstimme. Sie wollte den Gegenstimme nicht benennen, betonte jedoch, dass der Rat sich verpflichtet fühle, datenbasierte Entscheidungen von Sitzung zu Sitzung zu treffen. In Zukunft werden die politischen Entscheidungen der EZB weiterhin von den Inflationsaussichten, den zugrunde liegenden Inflationstrends und der Wirksamkeit der geldpolitischen Transmission bestimmt.
